Evangelische Akademie Tutzing, 7.-9. Mai 2010 - Tagungsbericht
68 Teilnehmerinnen und Teilnehmer kamen zu dieser gemeinsam von der Evangelischen Akademie Tutzing und Viamedica – Stiftung für eine gesunde Medizin, Freiburg veranstalteten Tagung an den Starnberger See. Dabei wurden die Entwicklung des Gesundheitssystems, die in ihm wirkenden Akteure und Beschäftigte sowie die Gesunden/Kranken unter dem spezifischen Blick von Zeit und Zeitdruck diskutiert.
In der einführenden Gesprächsrunde mit einer Mischung aus einem nieder-gelassenen Arzt, einer Stationsleiterin/Pflegeleitung Krankenhaus, einem Physiotherapeuten, einer Ernährungswissenschaftlerin und einer Leiterin eines ambulanten Hospizdienstes wurde der Ton für die Gesamtveranstaltung gesetzt: das Spannungsfeld von Zeitzwängen, der Notwendigkeit mit der Zeit ökonomisch umzugehen und dem Erfordernis, sich Zeit für die Patientinnen und Angehörigen zu nehmen. Durch die Einbeziehung einer Schwester aus dem Bereich Hospiz kam dabei ein besonderer Zugang zur Sprache: angesichts Todkranker, dem Umgang mit Sterbenden jenseits von Heilungsmöglichkeiten bekommt die Notwendigkeit, sich Zeit für Patienten zu nehmen nochmals eine existenziellere, tiefergehende Bedeutung. Zugleich wurde deutlich, dass der Umgang mit Zeit der im Gesundheits-/Krankenbereich Beschäftigten, ihre unterschiedlichen Eigenzeiten und chronobiologischen Rhythmen, ihrer Schnelligkeit/Langsamkeit im Rahmen der vorgegebenen Zeitökonomie eine eigenständige Dimension im Gesamtthemenkomplex ist.
Die weiteren Vorträge und Diskussionen sowohl im Plenum als auch in Gruppen lassen sich folgendermaßen zusammenfassen:
Die zeitökonomischen Anforderungen sind nicht einfach „aufhebbar“. Dennoch kommt es darauf an, Erkenntnisse der Zeitforschung, etwa aus der Chronobiologie zu Chronotypen, zur Erfordernis von Pausen etc. in die Gestaltung der praktischen Abläufe, sei es im Krankenhaus, sei es in Arztpraxen und benachbarten Berufen einzubeziehen.
Ebenso wurde das Spannungsverhältnis von Anforderungen der ständigen Verfügbarkeit und Leistungsbereitschaft mit dem Erfordernis, Krankheiten ihre Zeit zu belassen und sie nicht jederzeit und sofort mit Medikamenten zu überspielen, näher behandelt.
Durch die Fokussierung auf die zeitliche Perspektive und Erkenntnisse der Zeitforschung wurde insbesondere auch auf die krankmachenden Faktoren unseres Umgangs mit Zeit gelenkt: im eigentlich Wortsinn „Zeitkrankheiten“. Dabei spielen Grundkonzeptionen von Zeit als mechanisch-lineare, kontrollierbare und im Sinne von Zeiteffizienz zu optimierende Zeit eine besondere Rolle. Beschleunigung, Gleichzeitigkeit, Pausenlosigkeit – was vordergründig ökonomisch vorteilhaft zu sein scheint und mehr Möglichkeiten auch in der Freizeit zu eröffnen scheint, kann im Gegenteil zunächst zu Stress und übermäßigen Belastungen, im Extremfall bei zu lang anhaltendem Zeitdruck und Hetze zu zunehmender Krankheitsanfälligkeit, Burn-out und sogar zu chronischen Erkrankungen führen.
Dabei können sich individuelles Streben nach möglichst maximaler Ausnutzung von Zeit, Zeitökonomie im Beruf und gesellschaftliche Tendenzen gegenseitig hochschaukeln. Aus dem zeitökologischen Blick wurde deshalb abgeleitet, dass es über eine Optimierung der Zeitorganisation in den verschiedenen Bereichen des Gesundheitssystems hinaus gehend darauf ankommt, Ursachen von Krankheiten durch einen falschen Umgang mit Zeit selbst mit in den Blick zu nehmen. Derartige Krankheiten sind kein unvermeidlicher Preis „moderner Zeiten“, sondern die Folge eines Zeitverständnisses, das auf Kontrolle und kurzfristige Zeitoptimierung ausgelegt ist, präziser formuliert, verengt ist.
Die Veranstaltung wurde dadurch abgerundet, dass auch einige ungewöhnliche Zugänge – z.B. Blick auf interkulturelle Unterschiede in Bezug auf Zeiten von Krankheit/Gesundheit, Erfordernis von Zeit für körperliche Bewegung und Sport um gesund und leistungsfähig zu sein – in die Tagung aufgenommen wurden.
In Tutzing war eine bunte Mischung aus Personen zusammengekommen, die im Gesundheitsbereich in unterschiedlichsten Bereichen tätig sind und Personen, die sich für Zeitfragen generell interessieren. Dies ergab eine intensive Gesprächs- und Diskussionsatmosphäre.
Die Ergebnisse der Tagung demonstrieren einen weiteren Aspekt einer gesunden Medizin. Das Beachten der Zeiten im zeitökologischen Verständnis kann mit dazu beitragen, Krankheiten zu verhindern. Damit können bestimmte Umweltbelastungen durch medikamentöse Behandlungen verringert bzw. verhindert werden.
Dr. Martin Held, Evangelische Akademie Tutzing
Weitere Informationen und Anmeldung: www.ev-akademie-tutzing.de